Das gelungene Modell einer ethnisch toleranten Gesellschaft. Die Alamannen
EinführungProblem Nr. 1: Das Muster im Kopf
Die Verzerrung von geschichtlichen Darstellungen hat Parallelen anderwärts. Um 1910 begeisterten deutsche Lehrer ihre Schüler für den Kampf der edlen Burgunder gegen die gelbe Gefahr im Osten, obgleich es damals bereits Anhaltspunkte dafür gab, daß die "Hunen", alias Hünen, ebenso germanisch waren wie Siegfried. Aber die östlichen Hunnen Attilas paßten eben besser als Feindbild, zur moralischen Vorbereitung des Weltkrieges. Erfolgt die überdimensionierte Betonung der Alamannengefahr in einer ähnlichen politischen Absicht?
Die Einwanderungen der Indoeuropäer und Kelten sind angeblich genauso mit Feuer und Schwert abgelaufen wie die der Alamannen. Ebenso sollten Indoeuropäer die vordem blühende Induskultur ausgelöscht haben. An allen diesen Punkten werden neuerdings in Fachkreisen erhebliche Zweifel geäußert. Aber die Vorstellungsmuster im Kopf ändern sich nicht so rasch. Immer stürmen die Schurken aus dem fernen Osten hoch zu Roß nach Europa und sengen und brennen.
In Wirklichkeit dürfte für die meisten Einwanderungen in den europäischen Raum eine etwas abgewandelte Form jene Definition zutreffen, welche Gebhardt bereits 1981 zur Expansion des Keltentums formulierte: "Es scheint, als ob die führende Schicht die Seele einer großen Bewegung ist, die das Keltenvolk zu jener Macht emporführt, die es gegen 400 v.Chr. erreicht." Es handelte sich bei den Landnahmen in Europa in den meisten Fällen um den Zuzug von Trägern eines jeweils neuen Kulturgutes.
Gerade in der Verbindung mit den Vorbewohnern, nicht in ihrer Unterdrückung entstanden jene zivilisatorischen Entwicklungen, technologischen Fertigkeiten und religiösen Ideen welche die Kultur Europas ausmachen. Daß die Neuankömmlinge sich als Eliten etablierten, ist vom eben Gesagten her verständlich. Sie besetzten jeweils neue, oft vorher vakante soziologische Nischen. Daß es dabei auch Konflikte gab, z.B. mit den Römern, ist nachvollziehbar. Sie sollten nur in der Geschichtsschreibung nicht so hochgespielt werden, denn wer beschützte denn die spätrömische Zivilisation über Jahrhunderte hinweg vor den neu hinzudrängenden Barbaren? Die Neuankömmlinge von ehedem, die früher seßhaft gewordenen Germanen.Problem Nr. 2: Distanz und Nähe
Im zusammenwachsenden Europa läge es nahe, daß französische, schweizerische und deutsche Bewohner der früheren Alamannia nun zusammenrücken und das gemeinsame Kulturerbe pflegen. Diese schöne Absicht stößt jedoch rasch an eine Grenze. Die Annektion des Elsaß, jene oft plump vereinnahmende Argumentation der Völkisch- Nationalen, und die Exzesse des Dritten Reiches haben für längere Zeit jedwede Sympathie für das Thema im Keim erstickt.
- Aus der elsässischer Sicht wird heute in einigen Werken darauf hingewiesen, daß die A. als Eroberer und Verheerer ihres vormals blühenden Landes auftraten. Bei allem Verständnis und evtl. berechtigtem antideutschem Vorbehalt, diese Autoren beschreiben den Sachverhalt einseitig. Das Elsaß war bereits seit Cäsars Invasion schwer geschädigt worden. Etliche vordem blühende Stämme waren aus der Rheinebene in die Berge umgesiedelt worden und mußten dort in äußerst harten Lebensumständen zurecht kommen. Besonders die ständige Abführung von Edelmetallen nach Rom zerstörte die zivilisatorisch hoch entwickelte Stadtkultur der Gallier und drückte das ganze Volk auf schlechtere Lebensstandards. Natürlich konnte man nachder römischen Invasion im Land immer noch leben, aber nicht mehr annähernd so gut wie ehedem.
Aber wenn sie halt nicht wollen, dann "isch es au recht". Schließlich hat das Säbelrasseln jüngst vergangener Zeiten die Nachbarn schon etwas verschreckt. Da liegt es nahe, daß man erst einmal Distanz hält. Trotzdem fahren wir immer wieder über den Rhein und freuen uns an der Vielfalt, welche inzwischen hier wie dort blüht.
- Ähnlich distanziert stellt sich die Schweizer Perspektive dar. Man fühlt sich eher den Helvetiern verbunden, welche ja vor dem frühen Vordringen der Germanen in Richtung Alpen geflüchtet sind. Damit sind die Fragen der Sympathien - vordergründig - geklärt. Daß in der Tat eine starke alemannische Beeinflussung des fraglichen Gebietes vorliegt, beweist nicht zuletzt die Sprache. Daß sich das Schweizer Volk aber aus vielen verschiedenen Kulturen zusammensetzt, beweisen die Dialen- Überlieferung, die Sagenkreise der Dolomiten, und die Berichte von einer Landnahme schwedischer Familien.
Ich sehe keine Veranlassung, den historischen Kern all dieser Überlieferungen zu bezweifeln. Vielleicht wird eines Tages die Genforschung den Fragenkatalog in dieser Hinsicht lichten helfen.
- Alamannen anderwärts Österreich, das Waldviertel und Liechtenstein ( Dieser Abschnitt ist noch in Arbeit)
Der Freiheitsbegriff steckt übrigens tief drin in der alemannischen Mentalität und ein "klei weng alemannische Sturheit isch alleweil au dabei". Ganz wie bei jenem Sprichwort über die gaelischen (keltischen) Bewohner Englands: Wer sie zu etwas zwingen will, für den tun sie garnichts, wer aber ihr Freund ist, für den tun sie alles.3. Polyethnisch- multiethnisch. Eine Begriffsklärung
Wir sprechen von polyethnischer Kultur und meinen damit nicht einen multiethnischen Mix, in welchem alle Beteiligten ihre Wurzeln aufgeben. Bei einer polyethnischen Verbindung leben alle beteiligten Gruppen in eigenen Lebensräumen, - durchaus benachbart oder in einer Verbindung mit anderen - und behalten auch nach dem Zusammengehen eine Orientierung an der eigenen Herkunftskultur.
Dennoch bleibt eine gewisse zivilisatorische Leitlinie erhalten, welche für alle verbindlich ist. Sie vorzugeben und ihre Einhaltung zu überwachen ist die Aufgabe der jeweiligen Eliten in ihrer Zeit. Die Religionen verbanden diese verschiedenartigen Gruppen durch eigene Mythen, Festtage und Anlässe usw.
Dieses polyethnische Modell war in bestimmten Zeitepochen Europas weit verbreitet und ist historisch leicht nachzuweisen für Schottland, England, Schweden, für den Siedlungsraum der Slawen um Rügen, Spanien während der Maurenherrschaft und eben Alamannien.
aktualisiert am 27.02.02
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