Das neue
Element......."Die Fähigkeit, immer neue Siedlergruppen zu integrieren,
bleibt kennzeichnend für die Alamannen."
Zitat aus DIE ALAMANNEN, Landesausstellung Baden-Württemberg
Meine These von einer notwendigen Neubeurteilung der alamannischen Landnahme kann sich im Grunde bereits auf die Namensgebung stützen: Der antike Schriftsteller Asinius Quadratus bezeichnet die A. als "zusammengelaufene und vermengte Männer bzw. Menschen".
Diese - wohl auch von den Alamannen selbst so gesehene - Deutung wird durch neuere archäologische Funde bestätigt. Genaueres Bild: alte, überholte Vorstellung eines solchen Stammeshaufens.
Hinter dem neuen Namen läßt sich ein politisches Konzept vermuten. Die einzelnen Gruppenführer sahen sich nicht in einer altbewährten Hierarchie eingebunden. Sie waren bereit, für ein neues Land und neue, bisher ungeahnte Möglichkeiten ihr Leben zu riskieren. Ehrgeizige Adlige mit dem Talent der Menschenführung, nachgeborene Söhne ohne Aussicht, aufzusteigen und "Heerführer verschiedener germanischer Stämme aus dem weiten Gebiet zwischen unterer Elbe, dem Havelland, Thüringer Becken und Böhmen sammelten Gefolgschaften um sich. ....Erst in den neuen Siedlungsgebieten bildeten sich aus diesem bunten Völkergemisch die Alamannen." aus Histor. Lexikon der Schweiz, Bern.
Grabfunde belegen, daß die armen Neuankömmlinge am Ende ihres Lebens recht viel erreicht hatten: Wohlstand, oft den Status römischer Offiziere, eine eigene Familie und Gefolgschaft usw. Daß viele alemannische Adlige Fachkenntnisse in Metallurgie, Goldschmiedkunst, Gartenbau und anderem mehr hatten, also sich nicht zu fein waren, auch selbst notwendige Arbeiten auszuführen, überrascht nach allem bisher Gesagten nicht mehr.Unter diesen Gesichtspunkten läßt sich das Alamannenkontingent auch nicht so recht als Stamm nach altem Muster definieren. Wer archaische Stammesgesellschaften genauer analysiert, ist erschreckt über den Stellenwert, den Gewalt und Rache in einer solchen Gesellschaft einnehmen. Ich folge hier der Argumentation von Jared Diamond, Pulitzerpreisträger 1988, welcher in seinem neuen Buch "Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften" die Entwicklung menschlicher Reiche und Kulturen aus Gruppe und Stamm beschreibt.
Diamond definiert den Stammesbegriff etwas anders, als es Ethnologen bzw. Historiker normalerweise tun. Insofern kann man den Germanenstamm als nicht "typischen" Stammesvertreter im Sinne der Diamondschen Thesen auffassen. Aber beide Sichtweisen sind nicht unvereinbar. Auch die Alamannen waren anfangs wohl kaum mehr als jene von Diamond genannten Foré, deren Stamm 12 000 Personen umfaßte. Diamond sieht als eines der Hauptprobleme des Stammes eine Rechtsunsicherheit: "Viele ausführliche ... Informationen über Gruppen und Stammesgesellschaften haben gezeigt, daß Mord und Totschlag zu den häufigsten Todesursachen zählen" [Diamond, a.a.O. S. 339]
Diese Situation läßt sich bei germanischen Stämmen (und in den Sagas) ebenfalls belegen, zumindest in Phasen des Umbruchs und der Wanderung. Versuche der Rechtskodifizierung und der Befriedung des Landes wurden aber - im Gegensatz zu den Foré - recht bald unternommen. Wie gesagt, ich bezweifle, daß die A. ein echter Stamm im alten Sinne waren.H.Bassler und H.Steger sprechen nicht mehr von "einzelnen Stämmen", sondern von "umfassenden Verbänden" [Kat., a.a.O., S.503f]. Auch diese beiden Autoren deuten an, daß die A. auf die Vorbevölkerung geradezu angewiesen waren, da sie zunächst mit ihnen unter römischer Herrschaft lebten und von daher wohl auch eine Prägung erfuhren, und nach der Übernahme der Herrschaft ebenfalls sich einer großen Mehrheit gegenüber sahen. Es verwundert daher nicht, daß bei den Alamannen keine Tendenzen zur Ausrottung der Vorbevölkerung oder eigener, nicht botmäßiger Angehöriger auftreten.
- Sie waren ein neues Konzept des politischen Zusammenlebens,
- eine Antithese auf die Jahrhunderte währende Unterdrückung durch Rom
- und eine eher locker organisierte Gemeinschaft von kulturellen und politischen Eliten.
Nirgends wird berichtet, daß ihre Herzöge und Könige sich durch die Eliminierung von Verwandten und anderen Königen zum obersten Chef aufschwingen wollten (vgl. Frankenreich). Ganz fern liegt ihnen die Idee des Genozids, welchen ja die Franken zumindest einmal an Sachsen, und Kreuzritter später an Slawen und Balten vollzogen. Mehrere Berichte schildern, wie die Alamannen auf Bitten eines römischen Bischofs Gefangene aus der Vorbevölkerung freilassen.
Im alamannischen System hatten die vormaligen Bewohner des Landes ebenso Platz, wie man unterwegs fremde Krieger mit ihren Familien in den Verband aufgenommen hatte. Die Gräberfunde belegen beide Fakten deutlich, vgl. den Aufsatz von Dieter Quast, Kat.,S.171. Umgekehrt erging es den A. mit ihrer Klientel nach der "Eroberung" besser als den Goten oder Vandalen, bei denen die unterworfenen Landesbewohner nicht selten gegen ihre neue Herrschaft rebellierten und insgeheim mit den Feinden paktierten.
Die alamannische Integrationsfähigkeit war erstaunlich: Wir finden in den Gräbern ihrer Herrschaftsgebiete Personen hunnischer, ungarischer, dänischer, römischer und keltischer Abstammung, offenbar gleichberechtigt, zum Teil recht wohlhabend. Ein jeder, der von Verhalten und Leistung her dazu paßte, konnte hier etwas werden.Das neue Kontingent der Alamannen erwies sich aber auch militärisch als äußerst schlagkräftig. Daß sie den Limes überwanden, war allerdings weniger Folge ihres angeblich brutalen Angriffsgeistes. Die Römer hatten sich durch Bürgerkriege erheblich selbst geschwächt. Zahlreiche Zerstörungen, die den Alamannen bisher zugeordnet wurden, können mit Wahrscheinlichkeit diesem internen Kampf und den damit verbundenen Unruhen zuzuschreiben sein. Viele römische Soldaten bekamen keinen Sold mehr. Sie mußten sich auf eigene Faust durchschlagen und durch Plünderung - nein das taten doch nur die Germanen, also durch Expropriieren und Fouragieren (klingt besser, nicht wahr?) versorgen. Merken Sie tief wie das alte Denkmodell sitzt? Nur die Barbaren plündern.
Wenn auch das neue Stammesmodell nicht unbedingt den voll besetzten Limes überwunden hätte, war es doch effektiv genug, sich die Schwächesituation sofort zunutze zu machen. Der Limes wurde eingenommen - an manchen Stellen mit List, an anderen mit Gewalt. An etlichen Wachstationen saßen nun Alamannen, bezogen als Foederaten ihr Gehalt von Rom (Genaueres dazu) und schützten ebenso eifrig ihr Umland, wie die Kollegen von eben noch an anderen Stellen kämpften. Diese wenig "nationalbewußte" Haltung zeigt, daß sie schlicht und einfach Karriere machen wollten.
Kaum 100 Jahre nach dem ersten Angriff, der Eroberung von Mainz hatten die "Barbaren" soviel Einfluß in Rom und soviel politisches Geschick entwickelt, daß sie bei der Wahl des römischen Kaisers den Ausschlag gaben. Der neuen Macht des Alamannenkönigs Krokus verdankte der neugewählte Konstantin, später der Große genannt, seine Kaiserwürde.
Diese bemerkenswerte politische Expansion nach beinahe allen Himmelsrichtungen fand bekanntlich ihr Ende durch die Franken. Weiteres dazu im Kapitel Geschichte . Damit war die alemannische Unabhängigkeit beendet, doch auf anderen, eher kulturellen als politischen Gebieten blieb die Selbständigkeit erhalten und gelangte in der Zeit der Karolinger und darüber hinaus zu einer beeindruckenden Blüte.Bildnachweis: "Stammeshaufen" aus
Reiter
aktualisiert am 27.11.00
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