Die Kelten  
   am Rhein   

Auch das erste Auftreten der Kelten entspricht nicht dem gängigen Landname- Muster. Gewiß waren  etliche Kontingente zeitweise als Wandervolk unterwegs, so hat ein Heer unter Führung des Brennus Rom belagert, eine andere Streifschar Delphi geplündert. Da haben wir nun endlich die Barbaren.
Aber das Keltentum hatte auch Aspekte eines neuen Lebensgefühls, kombiniert mit veränderten soziologischen Strukturen und neuen Technologien. Es muß etwas ganz überzeugendes Neues, einen  handfesten Vorteil geboten haben, sonst hätte es sich nicht so verbreitet. Die Errichtung der keltischen oppida ("Städte") brachten sicher mehr Wohlstand für alle, die damit in Verbindung standen. Daher schlossen sich offenbar die meisten  Vorkelten, teils als Individuen, teils als Gemeinschaften, dem neuen Trend an.
Einige wichen dem Geschehen aus oder gerieten in die prekäre Situation wirtschaftlicher Not und allmählichen Niedergangs. Dazu zählten Bevölkerungsgruppen des vorkeltischen Britannien; hier konnten die Ureinwohner nicht beliebig ausweichen geschweige denn auf das Festland zurück. Sie stellten sich den Neuankömmlingen in mehreren Schlachten, so daß sich die Kelten erst allmählich und nach herben Rückschlägen in den Besitz der Insel setzen konnten.
Auf dem Kontinent jedenfalls zogen viele Gruppen nicht fort, sondern wurden von da an durch eine hauchdünne keltisch orientierte Oberschicht regiert. In manchen Gebieten Frankreichs, u.a. im Elsaß und in Lothringen, zeigt die außerordentliche Fülle von Feenüberlieferungen, daß die "Feenvölker" keineswegs verschwunden waren, sondern nur einen neuen Platz in einer veränderten Welt einnahmen.
Außerdem muß bedacht werden, was die Kelten von ihren Vorgängern - an kulturellen oder religiösen Impulsen etwa - übernahmen. Lange schon wird in der Forschung darüber diskutiert, daß das komplexe Druidenwissen nicht so recht zu einem neu aufgetauchten keltischen Volk der Handwerker und Krieger passen kann. Auch an diesem Beispiel zeigt sich, daß die beiden Systeme offenbar irgendwann fusioniert wurden, langfristig zum Vorteil beider.

Die starke Präsenz der Vorkelten zeigt sich noch in einem anderen, für die Kelten ungünstigen Umstand, nämlich als später die Römer angreifen sollten: Der Widerstand gegen die Invasion hielt nicht lange vor. Offenbar war es den Ureinwohnern nicht so wichtig, wer in den Städten der Ebenen saß und mit ihnen Handel trieb.
Aber die Vertreibung - die Flucht in die Gebirge und der Hunger? Das ist die schlechte Seite der Medaille keltischer "Weltverbesserung". Jäger und Sammler, aber auch viehzüchtende Nomaden oder Ackerbauern mit wenig entwickelter Agrarkultur benötigen für ihren Lebensunterhalt wesentlich mehr Platz als die Bevölkerung urbaner Zentren mit hochentwickeltem Ackerbau. Nach Diamond  "..kann eine bestimmte Fläche eine weit größere Anzahl von Ackerbauern und Viehzüchtern  - in der Regel zehn- bis hundertmal mehr - ernähren als Jäger und Sammler." [Diamond, a.a.O., S. 94]
Von daher ergab sich eine gewisse Dynamik von selbst. Waren die Vorbewohner Jäger, drängten die Kelten sie in die unzugänglicheren, für den Ackerbau nicht so geeigneten Gebiete. Waren sie Ackerbauern, so etablierten sie sich neben ihnen und schufen mit ihren Städten einen neuen Absatzmarkt für beide Gruppen, wobei ihr Beitrag in Metallgerät, Stoffen, Handelsware etc. bestand.  Nach und nach vermehrte sich die Bevölkerung der neuen Siedlungszentren, man brauchte mehr Ackerland, trieb die Jägerstämme noch weiter zurück, rodete die Wälder usw. Damit waren die Jäger die Verlierer, es sei denn sie hätten vollständig den Lebensstil der anderen Gruppen übernommen. Es ist zu bezweifeln, daß dieser Übergang angesicht damals schon knapper Ressourcen allen gelungen ist.
Am Oberrhein läßt sich dieser Vorgang wie in einer experimentellen Versuchsanordnung betrachten: Die wirtschaftlich unattraktiven Rheinwälder wurden zunächst nicht besiedelt, sondern die Hügellandschaft am Fuß des Schwarzwaldes. Die Reste der Feen-Leute, soweit sie nicht in den Eroberern aufgingen, zogen in die unwirtlichen höheren Lagen des Waldgebirges. Zunächst mochten dort genügend Ressourcen existieren, um ein ärmliches Leben zu fristen. Aber später, als die Jagdbeute abnahm und die Landnahme der Neuankömmlinge ihnen auch in die höher gelegenen  Täler des Schwarzwaldes nachrückte, mußten die Feenleute noch weiter fort.
Im Hochschwarzwald hatte es vor ca. 20 Jahren noch eine Wohnhöhle mit in Stein gehauenen Sitzplätzen gegeben, welche meines Wissen leider durch einen Straßenbau beseitigt wurde. Reste der Feenvölker oder eine Kultstätte? Die Volksüberlieferung erwähnt immer wieder Höhlen als "Heidenkirchen" - spiegelt sich darin eine Erinnerung an die frühere Feen-Religion? Oder waren die Höhlen die letzte Station im Überlebenskampf? Auch andere Berichte beschreiben einen bitteren Niedergang dieses Volkes, körperliche Schäden, Kleinwüchsigkeit durch Unterernährung etc.

Die meisten Vorkelten standen aber bereits auf der Stufe eines relativ hochentwickelten Ackerbaus und scheinen sich ohne wesentliche Erschütterungen ihrer Existenz dem neuen Lebensstil der Kelten eingepaßt zu haben.
Wesentlich stärkere Vertreibungen bzw. Verschiebungen müssen allerdings in der Bronzezeit oder bereits während der Jungsteinzeit stattgefunden haben. Die Menge der in jenen Epochen erbauten Befestigungen spricht eine deutliche Sprache. Demgegenüber waren Zeitgeist und Verhalten der Kelten fast schon zivilisiert und neuzeitlich.

Photos:  James.Q.Jacobs 1996



 
 
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aktualisiert am 27.11.00

Copyright bei W. Dörge-Heller, 
Karlsruhe 1999
 
 

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