. ... . . . .. Die kulturelle Ausstrahlung der Alamannitas . . . . . . . Das Hochmittelalter
ist geprägt von der Welt
der alamannischen Humanitas.
K.Gayer
Die Inbesitznahme als ZweigewinnerspielSeit der Mitte des 5. Jahrhunderts stabilisierte sich der Aufbau der alamannischen Gesellschaft. Dies wird wiederum am ehesten erkennbar in den Grabfunden. Neue Gräberfelder waren angelegt worden, auf denen nun ganze Siedlungsgemeinschaften bestattet wurden, also nicht mehr Eroberer und Vorbewohner getrennt für sich. Auch die Grabausstattungen mit Schmuck, kostbare Bekleidung und Waffen zeigen, daß der allgemeine Wohlstand beachtlich war, daß die gesamte Bevölkerung daran partizipierte und daß ein hochentwickeltes Kunsthandwerk diese gesteigerte Nachfrage bedienen konnte. Alamannische Höhensiedlungen wie die auf dem "Runden Berg" waren politische und kulturelle Zentren, die weit in das Umland hinein ausstrahlten.
Was war mit dem neuen Konzept der alamannischen Grenzherrscher erreicht worden?
Verloren hatten, das sei nicht verschwiegen, die Besitzer der großen Landgüter, welche von Sklavenkolonnen betrieben worden waren und die zumeist dem römischen Heer zugeliefert hatten. Verloren hatten einige Städter, weil für den Neubeginn in einem freien Land vorerst kein Bedarf an vielen Städten - zumal an Garnisonsstädten - bestand. Vielleicht reduziert sich das Mitleid mit ihnen etwas, wenn wir genaueres über sie erfahren. Es gab Städte in diesem Gebiet, die lehnten das Angebot kaiserlicher Hilfsgelder zum Wiederaufbau auf und baten anstelle dessen um die Genehmigung - "echte" blutige Zirkusspiele aufführen zu dürfen... Und verloren hatten auch jene kleinen Eliten, welche ohne echte Verantwortung für ihr eigenes Volk, von Rom nur deshalb "oben" gelassen wurden, weil sie die reibungslose Eintreibung der Steuern garantierten.
- Herrschaftsbereiche, Reichtum und Herzogstitel, ja Königskronen waren gewonnen, für die Anführer,
denen es gelungen war, ihre Streifschar sicher durch alle Gefahren hindurch zu bringen und für ihre Nachkommen- Land und Lebensunterhalt für alle an jenem großen Zug Beteiligten mit einer sozialen Perspektive für Kinder und Kindeskinder
- für die Frauen einen sicheren Platz zum Leben, ein hoher oder zumindest geachteter sozialer Rang, Schmuck, edle Kleidung, ein gutes soziales Umfeld für die Kinder, welche nicht mehr auf der Wanderung im Wagen oder Zelt aufwachsen mußten
- Abenteuer und Auszeichnungsmöglichkeiten für die Wagemutigeren, größere Bildungsmöglichkeiten und Ämter für die Wißbegierigen, kirchliche Funktionen und Aufstiegsmöglichkeiten für die an geistlichen Dingen Interessierten
- Konsolidierung des Landes, Kirchen und Klostergründungen und geduldiger Aufbau neuer Dörfer für die Bedächtigeren und jene, die von festen Strukturen, Symbolen und Verheißungen einen Halt bekamen
- guter Verdienst und einen weitbekannten Namen für die Kunsthandwerker und Handelsmänner
- Sicherheit und die Aussicht auf eine gute Zukunft für alle.
Das alemannische Lebensgefühl strahlt noch lange weit über die Grenzen seines Landes hinaus. Es war offenbar eine weibliche Mode in den umliegenden Ländern, vor allem im Frankenreich, alamannische Kleidung und Schmuck zu tragen. Auch das Römerreich hatte solche Phasen, wo Schmuck und Kleidungsformen der "Barbaren" sehr beliebt waren. Eine Zeitlang trug man sogar hunnische Waffen, Haarschnitt und Kleidung. Was geschieht in einem Menschen, wenn er sich in die Kleidung einer anderen Kultur einhüllt? Er möchte ein Stück von deren Wesen oder Lebensgefühl an sich bringen. Der Kulturethologe Koenig [Koenig, a.a.O.] beschreibt die Tendenz von Männereliten, nach militärischen Niederlagen sich in Bewaffnung und Uniform an den Siegern zu orientieren, selbst wenn sie weiter diesem feindlich gesonnen sind. Koenig bgründet dies so, daß diese Verbände sich eine Art Kraft vom stärkeren Gegner aneignen möchten. Mode, Schmuck und Lebensgefühl
Die Alamannen setzten auf jene praktische Dreifelderwirtschaft, welche der Verarmung des Bodens entgegenwirkte. Eine ältere Form, die teils noch gebräuchliche Feldgraswirtschaft mit ihrer einseitigen Bevorzugung des Viehbestandes, schafften sie ab. Der alamannische Feldanbau umfaßte vor allem den wertvollen Dinkel, dann Roggen, Gerste, Hafer und Hirse. Es gab eine Reihe von Gemüsepflanzen wie Lattich und Salat, darunter auch einige, die wir heutzutage nicht mehr kultivieren, z.B. die Melde. Eine wichtige Rolle spielten wegen ihres Eiweißgehaltes die Hülsenfrüchte Bohnen (Pferdeb.), Erbsen und Linsen. Handwerk, Handel und Agrarstruktur
Der hochentwickelte Obstbau und der von der Vorbevölkerung übernommene Weinbau wurde von den Alamannen weiter gepflegt und durch Anlage neuer Weinberge ausgeweitet.
In der Handwerkskunst waren mehrere verschiedene Schmiedeberufe vertreten, es gab v.a. an den Fürstenhöfen Köche und Bäcker. Feine Textilien wurden hergestellt, Edelmetalle verarbeitet, die Töpferei hatte einen eleganten und zeitlosen Stil. Holzschnitzer und Bauhandwerker, Zimmerleute schufen bereits jene Qualität, welche später die Bauschulen aus dem Bregenzer Wald berühmt machten. Im Bodenseegebiet und weit darüber hinaus bauten und schmückten sie die Kirchen des Barock. Jene Stukkateure, Steinmetzen und Schnitzer hatten das selbe Feingefühl, die gleiche Begeisterung für das Schöne wie weiland ihre Vorfahren am Runden Berg.
Ein blühender Fernhandel verband das Alemannenland mit Burgund und dem Frankenreich, mit Norditalien, der Schweiz, mit Böhmen, den donauländischen Gebieten und dem fernen Orient."Das Hochmittelalter ist geprägt von der Welt der alamannischen Humanitas. In den großen Geistern jener Zeit tritt das Übernationale einer gemeinsamen Kultur sichtbar in Erscheinung. Ein Horizont neuer Erkenntnisse tut sich auf." [K.Gayer, a.a.O., S.103] Bildung, Wissenschaft und Kunst
Wie Gayer in seinem Buch beispielhaft ausführt, beginnt eine neue Phase des Geisteslebens und der Wissenschaften im Raum der Alamannia. Es war diese erstaunliche Hinwendung zum Geistigen vielleicht nur deshalb erfolgt, weil für eine Zeitlang der Weg zu politischer Macht versperrt war. Aus den Eliten, welche auf ihren Burgen zum Wohl des Landes eine Art "Management" betrieben hatten, wurden geistige Eliten, die das Wohl aller Menschen im Abendland vor Augen hatten. Auch in der Musik, der Dichtung und der Malerei "offenbart sich eine Kunst der Morgenröte." [K.Gayer, ebd.]
Der Hof Friedrich II, welcher Kunst und Wissenschaft außerordentlich förderte, war in vieler Hinsicht eines dieser Kulturzentren. Am Hof Friedrichs wurden neue mathematische Methoden erprobt, arabische Handschriften ebenso gelesen wie lateinische oder griechische Werke. Der Kaiser und seine Umgebung verstanden sie alle. Gegen den Widerstand päpstlicher Kreise gründete Friedrich die erste rein weltliche, nicht mehr vom kirchlichen Dogma regierte Universität in Neapel. In Salerno wird der Lehrplan modernisiert und die Sektion von Leichen zu medizinischen Zwecken erlaubt, was damals im ganzen Abendland bei Todesstrafe verboten war. Frauen aus ganz Europa studieren in Salerno Medizin; sie können dort Examina machen und anschließend als Ärztinnen praktizieren. Im Verlauf der späteren Geschichte gehen jene Rechte verloren. Umso erstaunlicher diese Offenheit, welche die staufische - im Kern alamannische - Kulturepoche kennzeichnet.Andere derartige kulturelle Initialzündungen kamen vom Bodensee und aus dem Gebiet um Straßburg. Als eine der ersten Dichtungen in deutscher Sprache entsteht hier Gottfried von Straßburgs Roman von Tristan und Isolde. Das Werk ist spannend und "modern" geschrieben, ab und zu mit französischen Fremdwörtern und ziemlich kirchenkritisch. Der aus dem selben Sprachraum stammende Hartmann von Aue dichtete den "Armen Heinrich". Die deutsche Sprache bildet sich in jener Zeit aus zaghaften Anfängen und findet gleich so erstaunliche Könner vor wie Walther von der Vogelweide mit seiner Lyrik oder Wolfram von Eschenbach, den mystischen Gralssucher.
Das vielfältige Wirken gelehrten Walahfried Strabo kann hier nur am Rande erwähnt werden. Auch die Reichenau mit ihren blühenden Gärten und kostbaren Handschriften möchte ich hier nur streifen.
Das Universalgenie Albertus Magnus lehrte Theologie u.a. in Paris und leitete das studium generale an der Universität Köln, wo Thomas von Aquin und andere später berühmte Scholastiker seine Schüler waren. "Von der Spannweite seines Geistes zeugt ein riesiges literarisches Werk, das nahezu alle Wissensgebiete seiner Zeit behandelt." [K.Gayer, a.a.O., S.105] Übrigens sieht die moderne Wissenschaft in ihm einen ihrer Begründer und Wegbereiter.
In Friedrich II und seinem Gefolge wie auch in den anderen Staufern können wir einen fast modernen, in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Menschentyp sehen, welcher sich aus den bescheidenen Anfängen im alamannischen Grenzland herleitet.
Im Laufe von Generationen und dank vielfältiger Anregungen von außen ist der ursprüngliche Stammeskämpfer aufgestiegen zu einem fast renaissancehaften Erfassen von Wissen, Welt und menschlicher Kultur. Daß die Staufer auch die Tragik und das Scheitern kennenlernten, gehört ebenso zu dieser enormen Reichweite geistigen Umfassens hinzu.Photo: Detail (bearbeitet) aus dem Katalog a.a.O.
aktualisiert am 27.11.00
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