3.1 Schlußfolgerungen
Wir haben aus den bisher aufgeführten Fakten drei Schlußfolgerungen abgeleitet, welche im Folgenden kurz umrissen werden.
Fazit 1: Ein relativ friedlicher Sieg mit weitreichenden Folgen. Die Lebenskunst und - kultur der Alamannen war aus dem Nichts heraus zu einer erstaunlich hohen Blüte entwickelt worden. Ihre weit über den eigentlichen Siedlungsraum hinaus ausstrahlenden kulturellen Einflüsse auf die benachbarten Stämme beweisen, daß Erfolg nicht nur mit dem Schwert zu erringen ist.
Das historische Beispiel der Alamannia jedenfalls revidiert ein Stück deutscher Geschichtsdarstellung und widerlegt die bisherige, national - militaristisch gefärbte Sicht dieser Epoche der Geschichte.
- Es wäre eine interessante und für den Historiker lohnende Aufgabe, zu untersuchen, welche Faktoren dazu führten. Wie kam es, daß alamannische Kleidung, Schmuck, Fertigungstechnologie und Agrarwissen zu dieser außergewöhnlichen Entfaltung kamen, wo vergleichbare Siedlungsgebiete in der unruhigen Zeit der Völkerwanderung eher kulturelle Rückschritte aufwiesen.
- Eine weitere Fragestellung könnte vielleicht einmal die Sozialwissenschaftler beschäftigen: Wie kommt es daß wir die Alamannen und andere Germanenvölker ebenso wie das angeblich "finstere" Mittelalter" so gern als zurückgebliebene Barbaren darstellen? Brauchen wir ein Stück weit die beruhigende Vorstellung, als heutige Menschen weiter entwickelt zu sein?
- Oder hängen wir noch, wie Zanger vermutet, im Geschichtsbild des 18. Jahrhunderts, dem zufolge nur Rom und Hellas als echte Kulturen ernst zu nehmen sind?
Fazit 2: Es gibt Hoffnung für polyethnische Kulturmodelle. Die Betrachtung des geschichtlichen Prozesses der alamannischen Ethnogenese kann uns dabei behilflich sein, aktuelle Fragen der heutigen Zeit zu klären, z.B.
Diese Fragestellungen können hier aus Platz- und Zeitgründen nur angedeutet, nicht ausführlicher beantwortet werden.Welche geographischen oder historischen Faktoren, welche untereinander verabredeten Regeln oder gruppendynamischen Prozesse bringen verschiedene Ethnien innerhalb einer Bevölkerung zu einem friedlichen und synergetischen Zusammenleben? Wo ergaben sich damals in der Alamannia, wo ergeben sich heute bei uns die hauptsächlichen Konflikte? Ab welchem Zeitraum kann ein verbindendes "Wir-Gefühl" eintreten? Wie lange dauerte dieser Prozeß, damals, in anderen, vergleichbaren Epochen und heute? Fazit 3: Daß die Entwicklung einer Stammeskultur bei günstigen Bedingungen derart rasch vonstatten geht, wie es bei den Alamannen der Fall war, führt zu der Schlußfolgerung, daß die kulturbildenden Fähigkeiten der Menschen größer sind, als wir ihnen im allgemeinen zutrauen. Es waren doch verhältnismäßig wenige, welche einem großen Land jene besondere Prägung verliehen, die bis heute nachwirkt. Auch hier bleiben viele Fragen offen.
Es wäre erfreulich, wenn diese Fragen als Denkanstöße von anderen aufgegriffen und weiter bearbeitet würden. Den Platz dafür stelle ich hier gern zur Verfügung; oder weise durch Links darauf hin.
- Wie lange braucht generell der Aufbau einer neuen Kultur? Wie kann diese Entwicklung z.B. von einer Regierung oder Kirche usw. gefördert werden?
- Welche materiellen und geistigen Voraussetzungen müssen dafür gegeben sein, welche zusätzlichen Bedingungen dafür erfüllt werden?
- Kann an das Modell des Stammes für heutige Formen des Zusammenlebens bzw. der Lebensführung angeknüpft werden?
aktualisiert am 27.11.00
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