Ausblick Das menschliche Antlitz
aus der Tiefe der ZeitDas elsässische Egisheim ist heute ein freundliches, aber unbedeutendes Örtchen in der Nähe Colmars. Seinerzeit jedoch - um das Jahr 1000 - war es durch drei Burgen gut gesichert und Stammsitz eines reichen und angesehenen alamannisch- schwäbischen Geschlechtes. Gräfin Hildegard von Egisheim war eine der vielumworbenen, hohen Frauen jener Zeit Als sie dem Ritter Friedrich von Büren die Hand zur Ehe reichte, entstand aus dieser Verbindung das später berühmte Geschlecht der Staufer. Hildegard wurde schon zu ihren Lebzeiten von der Bevölkerung fast wie eine Heilige verehrt.
..... Ihr Bildnis aber wurde durch einen geradezu unglaublichen Zufall oder Glücksfall (?) an die Nachwelt weitergegeben. Als 1892 die Kirche von St. Fides in Schlettstadt renoviert werden mußte, in welcher Hildegard beigesetzt worden war, "fand man in einer Kalkschicht aus dem 12. Jahrhundert den Abdruck eines Frauenantlitzes von beseelter Schönheit."
[Gayer a.a.O. S.82]
Die Hohlform wurde ausgegossen und die Zeitgenossen versammelten sich voll Ehrfurcht und Staunen. Viele hielten es für ein Wunder, glaubten sie doch "die Spuren eines leibhaftigen Engels zu sehen, der einstens auf Erden geweilt." [Gayer ebd.]
Was war geschehen? Die Tote war mit ungelöschtem Kalk übergossen worden, eine bei Pestopfern häufig gebräuchliche Form der Bestattung. Diese Kalkschicht hat bis aufs Detail genau das Gesicht jener schönen Frau konserviert und der Nachwelt überliefert.Es ist allerdings nicht eindeutig bestimmbar, ob es sich um das Bild ihrer Tochter Adelheid oder um Hildegard selber handelt, vielleicht kann diese Frage noch irgendwann gelöst werden. Das ist auch nicht so wesentlich, denn "Tatsächlich haben wir in dem Frauenbildnis das einzige reale Antlitz eines Menschen aus dem Mittelalter vor uns, das in der stummen Gebärde des geneigten Hauptes jede feinste Linie lebendig bewahrt." [Gayer ebd.]
Mir will es so scheinen, daß mit diesem Gesicht aus dem früheren Alemannenland ein besonderer Gruß aus jener Zeit zu uns herüberscheint. Ein Gruß, verbunden mit der Mahnung, nicht zu vergessen, daß diese Menschen waren wie wir. Sie waren nicht schlechter, nicht "finsterer", nicht edler und heroischer, nicht barbarisch, sondern - Menschen wie wir.
aktualisiert am 27.11.00
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