Die Macht der Archetypen


Zu den beiden Zyklen insgesamt: Die beiden Romanreihen sind als Gegensatzpaar aufgebaut und ihre Handlung wird demgemäß auch von zwei sehr unterschiedlichen Charakteren getragen. Darin liegt eine gewisse Folgerichtigkeit, denn es geht als Grundthema um die Vereinigung der Gegensätze. Demgemäß wird der erste Zyklus aus der Sicht des Amberiten Corwin,  im Kampf gegen die Mächte des Chaos dargestellt. Corwin muß sein eigenes inneres Chaos bändigen, bevor er zu einem konstruktiven Kämpfer wird; statt zum König von Amber wird er zum Herrscher seines eigenen Daseins und zum Meister seines Schicksals. Wie so oft erweist sich der Verzicht als ein Gewinn.
Entsprechend schildert der zweite Zyklus aus der Innensicht des Chaosherrn Merlin  die Welt und die Begegnung mit dem Reich der Ordnung. Daß Merlin zur Hälfte von Amber abstammt - Corwin ist sein Vater - ermöglicht ihm eine Art Verstehen auf höherer Ebene. In letzter Konsequenz zeigt sich dies, als Merlin den Thron des Chaos besteigt, um einen kriegerischen Zusammenprall beider Weltsysteme aufzuhalten.
Man könnte den ganzen Doppelzyklus als eine Lehrbuchgeschichte zur Archetypenlehre C.G.Jungs ansehen. Mit diesen inneren "Urbildern" (das etwa bedeutet der griechische Begriff "Archetyp") meint C.GJung die "patterns of behaviour" Verhaltensmuster in uns, welche bereits bei unserer Geburt in uns angelegt sind, und gemäß denen wir uns in allen Situationen des Lebens verhalten. Da gibt es den Helden (das bewußte Ich), die Persona (die Fassade oder Rolle nach außen) den Schatten, die Anima bzw. den Animus und den Zauberer, den oder die Weisen Alten und das Selbst. Sie alle können in Träumen oder in Geschichten, Filmen usw. auch als konkrete Menschliche Personen auftreten. Es gibt auch Archetypen, welche keine personale Form annehmen, z.B. die der Kraft und der Macht, die magische Waffe etwa oder der unüberwindlichen Zauber...
 
 
...... Die Kehrseite der Macht besteht, wie jeder weiß,  in der Gefahr sie zu mißbrauchen. Dies Wissen schützt aber nicht, denn jeder meint von sich, er wäre anders und würde nach bestem Wissen und Gewissen handeln. "Befindet sich ein Mensch mitten in der Verblendung, glaubt er fest, er wäre nicht verblendet." (Lü Buwei) 

Vor dieser Hybris schützt die Einsicht in den psychologischen Schatten nach C.G.Jung. Das ist diejenige Gestalt in uns, die wir zwar ahnen, aber nicht zulassen. Es ist der inferiore Anteil der Persönlichkeit, oft verknüpft mit Aspekten der Triebe und Aggression. (Steppenwolf) In der christlichen Symbollehre existiert sogar ein "Super-Schatten", der Teufel. 

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Im allgemeinen tendieren wir dazu den Schatten auf andere Menschen zu projizieren. Dieser Menschentyp, oder der Angehörige einer anderen Rasse, oft einer Minderheit, wird dann zum Sündenbock für alles abgestempelt und verfolgt.
Gewinnen wir den persönlichen Schatten zum Verbündeten, dann wird das Leben vielfältiger und reicher. Gelingt dies nicht, dann muß es durchgefochten werden, wobei Disziplin und Ethik die Waffen des Ich sind. Der Schatten des verwegenen und stolzen Corwin ist ganz offensichtlich der Verräter Brand. Diesem eignet aber auch ein Element von Bildung, Kreativität und Zielstrebigkeit, welches Corwin abgeht. Während die stolzen Prinzen von Amber, Corwin inbegriffen, in den Welten der Schatten ihren Launen nachgingen, eignete sich Brand alles Wissenswerte über Magie an. Eine solche Konsequenz und Beharrlichkeit  erlernt Corwin erst nach vielen Fehlschlägen. Dann aber verfügt der Amberprinz über beides, den ihm immer schon eigenen Mut und die neue Eigenschaft der abwartenden Vorsicht, das "Wu wei" der taoistischen Philosophie, die ihn am Ende gegen Brand überlegter kämpfen und gewinnen läßt.
 

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zum Anfang dieser Seite aktualisiert am 01.10.04