Andere bedeutende Amber- Motive in Arbeit
Die Suche nach der eigenen Identität
Corwins anfängliche Frage nach seiner wahren Identität hat viele Parallelen in Romanen und Theaterstücken. Das Geheimnis menschlicher Existenz drückt sich in solchen Fragen aus. Und die Phantasie, etwa von königlichen Eltern abzustammen, ein Findelkind mit einer zeitlich begrenzten Gastrolle in einer armen oder mittelmäßigen Alltagswelt zu sein, findet sich vom gnostischen Perlenlied bis hin zu Harry Potter. Dieses Motiv scheint mir die vielen Möglichkeiten anzudeuten, welche sich im Lebensentwurf eines Individuums bündeln und welche zuletzt das erhabene Geheimnis seiner Herkunft - nicht von dieser Welt - enthüllt. Im indischen Helden- Epos Ramayana bildet jene Sequenz den Abschluß, als dem Königssohn Rama nach seinem Sieg über die Dämonen die Belehrung zuteil wird: "Rama, du bist selbst ein Gott. Du bist Vishnu, der als Rama auf die Welt kam. Du hast es nur vergessen gehabt. Erinnerst du dich jetzt?"Der Ritt ans Ende der Welt
Corwin muß im fünften Band seines Zyklus einen Höllenritt unternehmen, um das Juwel des Schicksals an den Platz zu bringen, wo über die Zukunft der Welt entschieden wird.
Dieser Ritt hat eine Vorlage im Skandinavischen, wo ein unbezähmbares Pferd von einem Helden zugeritten wird. Beim darauf folgenden Ritt trägt es ihn bis an die Pforten des Himmels und bis hinab zur Hölle. Als er zurückkehrt, steht ihm das Blut in den Stiefeln. Aber natürlich gibt es das Thema auch anderwärts, im nordamerikanischen Bereich der westlichen Tradition ist der Reiter (=Cowboy) ja ein geläufiger Heldentyp. Daß Zelazny sich in nordischer Mythologie gut auskennt, zeigen u.a. die vielen Namen und Bezeichnungen, welche diesem Sagenkreis entstammen, wie z.B. Corwins Schwert. Während Corwins Höllenritt tauchen diese nordischen Figuren aber verstärkt auf, so daß das Ganze auch am Rande der Schlacht um Asgard stattfinden könnte.Die kosmische Schlacht
Gottwesen gegen Dämonen / Asgard gegen Jötunheim
Die Vorlage zur großen Schlacht beim Mustersturz liefert der Kampf der germanischen Götter gegen die Riesen und Trolle von Jötunheim, wie auch die Offenbarung des Johannes. Aber diesmal sind die Karten anders genmischt. Die Amberiten sind zäher und ihre Heere zahlreicher als die der germanischen oder der frühchristlichen Vorlage. Und die Gegner sind, mindestens zum Teil, menschlicher und ehrenhafter als zu vermuten war. Selbst Swayvill, der dunkle Fürst des Chaos wird verstehbar. Am Ende erweckt er fast Mitgefühl, als er seinen Sorgen und Kämpfen erliegt und in der Kathedrale des Chaos aufgebahrt liegt. Genaueres wird noch in einem gesonderten Beitrag ausgeführt.
Die Macht der Ringe
folgtdas magische Schwert
folgtDas Muster, Labyrinth, der Logrus
eigener Beitrag siehe Labyrinthe.....Alice in Wonderland
Ich finde diesen Part des Zyklus mit der Bar und dem weißen Kaninchen relativ schwach, hier gingen dem Autor offenbar die Motive aus. Wobei ich nichts gegen Lewis Caroll und sein einzigartiges Werk habe. Wie tiefsinning dieses scheinbar leichte Kinderbuch in Wirklichkeit ist, zeigte mir "The Annotated Alice" von Martin Gardner. Mathematik, Wahrscheinlichkeitsprobleme und besonders die Originalfassungen der Gedichte, die Caroll scheinbar ohne Mühe improvisiert, welche aber herrliche Parodien sind, machen dieses Buch zu einem Vergnügen.
Aber Alice in Amber? --- Die Szene mit dem Hutmacher in einer Bar als Auftakt für den Kampf mit dem Feuerengel = Topos der Barprügelei? Ich finde es daneben.Die Quest
Als Quest (Suchfahrt) bezeichnet man die abenteuerliche Suche von Held oder Heldin nach einer schwer erringbaren Kostbarkeit, einem Menschen oder Gegenstand von hohem Wert oder nach einer neuen Identität. Eine Grundsituation menschlicher Träume und Wünsche, die auch oft als Metapher für menschliche Entwicklung steht. Jedes Symbol--Lexikon gibt dazu genauere Details. Fantasy und SF haben sich des Themas vielfach bemächtigt, was nicht immer gut war. Denn das Quest-Motiv wurde schon einmal gründlich zu "Tode geritten" in den Romanen des 16. und 17.Jahrhunderts, so daß nur noch die Parodie "Don Quichote" übrigblieb.
Eine ähnliche "Inflation" mit Suchfahrten (und Labyrinthen) leistet sich Zelazny im zweiten Zyklus. Ich möchte ihm zugestehen, daß er etwas ganz Besonderes, Neues aussagen möchte, und habe den Eindruck, daß er hier selbst ein neues Rätsel lösen will. In solche einem Fall bedient man sich dieser Metaphern mit gutem Erfolg. Doch es gelingt ihm nicht so recht, obgleich die eingesetzten Mittel z.T. von guter Qualität sind, erinnern wir uns an jenen verwunschenen Gang mit den Spiegeln.
Was die Quest-Strecke Merlins im Band "Ritter der Schatten" im negativen Sinne unvergeßlich macht, ist das quälende Gefühl, doch noch etwa eine der vorhandenen gute Passagen (wie das Duell gegen Borel) zu verpassen, wenn man einfach zwanzig, dreissig Seiten überspringt. Eine vergebliche Hoffnung, es wird dann auch nicht besser. Ein Trost bleibt: Der Tiefstand des Zyklus ist erreicht.
Die Stadt in den Wolken
Eine erzählerische Meisterleistung Zelaznys ist die Stadt der Träume, Tir na Nogt. Hier spiegelt sich das Muster von Amber in einer "himmlischen" Version. Eine weitere Variante dieses Instrumentes der Macht befindet sich unter dem Meeresspiegel in der Stadt Rebma. Diese Konstellation werde ich an anderer Stelle noch ein wenig näher untersuchen.
Beide Städte sind in ihrer Art sehr keltische Motive, über die Stadt unter dem Meehr habe ich bei "Ker Ys" einige Anmerkungen gemacht. Die Himmelsstadt Tir na Nogt verweist auf die keltische Anderwelt, die Welt der Toten, sie ist aber auch zugleich die Stadt der Wünsche, Träume und Fantasien, verwoben mit den Ahnungen und dem Vorauswissen einer möglichen Zukunft. Es ist daher folgerichtig, daß Corwin hier seine verlorene Liebe Deirdre wieder sieht und daß die entscheidende Begegnung Brand- Benedict hier oben stattfindet.
Nun sind die "klassischen" alten Geschichten aus der Anderwelt auf einem etwas einfacheren Schema aufgebaut, etwa so: Held/Heldin verirrt sich oder gerät zu einer verbotenen Zeit auf einen Feenhügel bzw. in eine Höhle, wird dort gastlich empfangen, bleibt/lebt dort für eine Weile und findet - oft viele Jahre später - zurück in die reale Welt, unsere Welt.
Zelazny macht daraus eine eigenständige Geschichte voll Andeutungen, Rätseln, abenteuerlichen Randbedingungen (was geschieht mit dem Helden, wenn der Vollmond von Wolken verdeckt wird?) und bittersüßer Poesie. Kaum je hat Fantasy so die Innenwelt eines Menschen im Bild einer verwunschenen Stadt nach außen gespiegelt - und dennoch nicht aufgedeckt, sondern in einer erhabenen Einmaligkeit und Einsamkeit bestehen lassen.
zum Anfang dieser Seite aktualisiert am 01.04.01