Weitere Übereinstimmungen Amber- Westen:
Alle Stimmungsbilder und Zitate der Amberiten sind auf westliche Dichter, Filme, Musikstücke, Psychologen usw. bezogen. Es wird nach meinem Wissensstand nur einmal ein Lied aus Amber selbst zitiert, jene Ballade die Corwin selbst gedichtet hatte. Es ist, wie wenn die Kultur der Erde sich in Amber durchgesetzt und die ursprüngliche Kultur überlagert hätte, ähnlich der griechischen Bildung im antiken Rom.
Die Betonung des Agonalen, d.h. des Wettkampfes, der sportlichen Leistung, Duelle auch im übertragenen Sinn, z.B. in der Forschung, prägt bereits seit der Jungsteinzeit sehr stark die Leitbilder der westlichen Welt. Auch Corwin erwähnt den Begriff der Olympischen Spiele, die Fechtvorlagen kommen überwiegend von hier.
Besonders deutlich wird dies in der College-Zeit von Corwins Sohn Merlin, die Wettrennen und Wettkämpfe, um sich vor dem anderen zu beweisen. Auch das Studium, bzw. die Computerausbildung Merlins werden auf der Erde (und wieder im Westen, den USA ) vollzogen
..... Die Tierarten Ambers, welche nicht den europäischen Arten entsprechen, sind mythisch gesteigerte Wesen aus der Überlieferung Europas: Hunde und Falken Julians, die besondere Art von Pferden, das Einhorn, Mantikora und Todeswolf.
Die Banshee, die Todesfee, welch in Amber sich ab und an hören läßt, ist eine ganz eigentümliche Gestalt der keltischen Überlieferung, ebenso wie Oberon (urspr. Name eines Elfenkönigs), auch die Person Dworkins (klingt evtl. an das Wort Dwarf = Zwerg an) enthält Züge eines europäischen Künstlers, Zauberers und Alchimisten.
Besonders die Eß- und Kleidungsgewohnheiten der Amberiten sind sehr westlich geprägt. Die auffällige Bevorzugung von Wein, Kaffee, Absinth (Fiona) und das Rauchen der Amberiten sind westliche Gewohnheiten. Vor anderen Drogen wird gewarnt z.B. vor den Halluzinogenen, was ja auch einer verbreiteten westlichen Einstellung entspricht. Die Mode - des öfteren werden ihre Arrangements genauer beschrieben - ist wiederum eine Mischung von Renaissancekostümen und legeren westlichen Kleidungsgewohnheiten.
Die Raumaufteilung im Palast, die Hofämter usw. sind ebenfalls an dieser inneren Geopgraphie orientiert. Hier könnte man einwenden, daß eine solche Struktur soziologisch naheliegt. Das stimmt aber nicht, bei genauerem Hinsehen ist die Hierarchie Ambers außerordentlich "keltisch": Dworkin als Hofzauberer, der König als Vorkämpfer in der Schlacht, die rebellischen Familienangehörigen, der hohe Rang der Königin zumindest seit Vialle, die Aufteilung der Ämter, die Wertschätzung der Jagd und viele andere Punkte mehr. Die Hierarchie ist zwar locker, Random als König ist ja auch alles andere als autoritär, nichts desto trotz ist sie vorhanden.Die Flotten und Armeen, selbst die von Dalt, welcher ja auch ein Amber - Abkömmling ist, werden mit Begriffen westlicher militärischer Strukturen (Söldner, Heermeister, Herold, militärischer Berater) beschrieben. Die zahlreichen Fechtszenen sind (außer einer, dem Zweikampf zwischen Jurt und Merlin im Reich des Chaos) fast ausschließlich mit europäischen (genauer französischen und italienischen) Techniken ausgeführt (+ etwas japanischem Kampfsport, welcher ja auch im Westen verbreitet ist). Die übliche Bewaffnung der Amberiten entspricht etwa jener eines reisenden abendländischen Edelmannes um 1700: Degen mit Glocke, oder Breitschwert, Dolch, im Krieg eine - vermutlich leichte - Panzerung, etwa wie zur Zeit Cromwells.
Die Denkmuster der Amberiten sind von Macchiavelli, Nietzsche, Baudelaire, Bergson usw. entlehnt. Dieser Punkt ist sehr bedeutsam; ich werde ihn noch an anderer Stelle ausführen. Das Weltbild der Amberiten entspricht etwa dem des britischen Kolonialreichs in seiner frühen, noch individuell sehr unterschiedlich betriebenen Form: Jeder Amberit hat seine Schattenwelten, wo er z.B. eine Anzahl Stammeskämpfer für seine persönlichen Angelegenheiten rekrutieren kann. So wie auch westliche Eroberer anfangs als höhere Wesen verehrt wurden, haben die Amberiten dort z.T., den Status von Göttern. Ihre Lieblingsaufenthalte sind wiederum vergleichbar mit den Gewohnheiten wohlhabender Engländer, einen Teil des Jahres außerhalb des Landes zu verbringen.
Die Erde wird als Lieblingsaufenthalt viele Amberiten beschrieben; konkret genannt werden nur Schauplätze wie Paris, London, USA; New Mexiko (Santa Fé, wo auch Zelazny wohnte) . Aus der Sicht eines US-Amerikaners ist die "alte Welt" Europa ein Ort der Bildung und der Reisen. In den Visionen, welche vor allem Merlin und Corwin beim Beschreiten des Labyrinths haben, tauchen ständig exakte und sehr poetisch formulierte Erinnerungen an die Erde mit ihrer westlichen Hemisphäre auf.
Das Muster selbst trägt in seinem Verhalten und seinen Zielvorhaben westlich- europäische Züge. Besonders deutlich wird dies in jener Konfrontation, wo Nayda, das "Geschöpf der Grube", dem Muster entgegentritt, um Merlin zu schützen. In dieser Situation führt die Ordnungsmacht selbst Wertbegriffe wie Heldenhaftigkeit, Kultur und Ordnung usw. in das Gespräch ein, allesamt Werte, die in der Geschichte des Westens eine prägende Rolle gespielt haben (Tugenden des Aristoteles).
Damit soll nicht gesagt werden, daß andere Kulturen diese Werte nicht hätten; nur in der an dieser Stelle genannten Reihenfolge sind sie ein typisches "Pattern" des Westens. Das Labyrinth des Chaos, der Logrus, verhält sich wiederum eher wie eine Schöpfung des schamanischen Asiens oder Chinas und könnte von einem Taoisten ohne weiteres betreten werden.
Die nichteuklidische Struktur der Burgen des Chaos erinnert an alte Reisebeschreibungen des fernen Ostens, wie sie z.B. von Marco Polo überliefert sind. Ebenso entstammen die dort heimischen Monster, welche anfangs stark an Teufel und Dämonen erinnern, später mehr menschliche Eigenarten hervorkehren, dem europäischen Mythenschatz über den Osten. Amazonen, Ziegenköpfige Dämonen, zombiartige Sklaven-Armeen, kurz Monster und Mirakel - das ergab auf mittelalterlichen Weltkarten jenen Fantasy- Stoff, mit dem die damals noch weißen Flecken auf der Landkarte Asiens gefüllt werden konnten. Zyklopen, Kopffüßler, Pygmäen, die Sphinx, Menschen mit Hundekopf bilden einen alten Bestand von Vorstellungen über Asien, den die Europäer dort geradezu zwingend erwarteten. Und der heimgekehrte Marco Polo erhielt seinen Beinahmen "der Aufschneider" nicht deshalb, weil er soviel übertrieb bzw. log, sondern weil er von den echten Wundern Asiens berichtete, Dinge, die kein Mensch von ihm hören wollte. Zuletzt vielleicht das wichtigste Moment: Der Angriff der Chaosmächte auf Amber entspricht einer uralten Auffassung von einer Bedrohung des Westens durch östliche Heerscharen; modernem Denken gemäß wird der Hauptangriff der Unholde durch Corwins Truppe mit Feuerwaffen abgewehrt. Ich möchte hier die Apokalypse der Bibel erwähnen, die Bilder in diesem Teil des Zyklus haben etwas Apokalyptisches. Dort sind es die Fürsten von Gog und Magog, d.h. der Finsternis und der Großen Finsternis, ziehen heran, um die heilige Stadt zu belagern. Zelazny verlieh dieser uralten Konstellation eine neue Aktualität.
zum Anfang dieser Seite aktualisiert am 01.04.01