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Der Gang durch das Labyrinth
Eine Anleitung zur Imagination
Fern von unserer Alltagswelt, in einer verborgenen Dimension, liegt das geheimnisvolle Urmuster des Labyrinthes. Wer es beschreitet, so berichtet die Sage, wird ein anderer Mensch. Und ab und zu taucht es in unserer Welt auf. Manchmal erblicken wir seine Rundungen im Gestein am Boden oder im Geäste der Zweige, in den Wellen des Wassers, in Wolken und Licht; jedoch sind dies alles nur Annäherungen an das wahre Labyrinth in jener fernen Welt. Jetzt aber liegt das geheimnisvolle Muster vor uns mit allen seinen Windungen und Kehren; der Zeitpunkt ist da. Beschreite mutig den Pfad; unsere Worte geleiten dich sicher hindurch.
Erster Pfad: Du hast den Fuß auf das geheimnisvolle Muster gesetzt und spürst, daß es dich einläßt. Der wichtigste Teil jedes Werkes, der Anfang jeden Tuns und jeder noch so weite Weg beginnen mit einem ersten Schritt.
Doch dies ist erst der Anbeginn, und der Weg durch das Labyrinth ist nicht leicht. Du bist auf der ersten Umrundung, dem Pfad der Sorgen und Ängste. Es fühlt sich an, als müßtest du dich gegen einen zähen Widerstand voranbewegen. Du hast das Gefühl, daß du von den Zielen deines Lebens noch weit entfernt bist. Irgendwo tropft Wasser, es klingt wie ein Schluchzen. Ein bitterer Geschmack ist in deinem Mund und dein Körper bewegt sich bedrückt und kraftlos.
Aber während du dich stetig bemühst, voranzukommen, beginnt vom Muster her ein blaues, geheiligtes Licht an dir emporzusteigen, Luftwirbel und leise Geräusche hüllen dich ein. Die Flammen verursachen dir keinen Schaden, du bemerkst nur ein Zupfen und Ziehen auf der Haut und an den Haaren. Dabei spürst du, wie das blaue Leuchten Streß und Sorgen aus dir herauszieht.
Geh dabei immer weiter, bleib nicht stehen, blick nicht zurück.Der zweite Pfad: Während du weitergehst, baut sich an dieser Stelle ein gewisser zusätzlicher Widerstand auf. Wir nennen dieses Phänomen den ersten Schleier. Der Name dieses Hindernisses ist Furcht: Was werde ich beginnen? Bin ich bereit? Hier fängt ein neues Leben an - nie mehr wird es sein wie vorher. Stimmen flüstern dir zu „Kehr um!“ Andere Stimmen dröhnen „Kehr um!“ . Achte nicht auf sie und schreite stetig voran. Geh immer weiter, bleib nicht stehen, blick nicht zurück
Noch einmal versuchen die Kräfte der Furcht, alles aufzubieten: Ein fernes Heulen kommt näher, getragen von einem gespenstischen Wind. Schrecken der Vergangenheit jagen dich, alle alten Ängste stürmen auf dich ein. Laß dich nicht einschüchtern, sie sind es die Angst haben, denn mit jedem weiteren Schritt, den du auf dem Weg vorankommst, verlieren sie an Macht. Schon werden sie schwächer, verblassen und wehen davon. Und die Furcht bleibt weit hinten zurück. Du spürst den Wind auf deinem Gesicht und riechst den frischen Regen auf einer Straße, die in ferne Weiten führt. Die Freiheit und eine unendlich weite herrliche Welt liegen vor dir.Dritter Pfad: Du schreitest nun frischer voran, gestärkt vom ersten Erfolg und ehe du dich versiehst, befindest du dich erneut in einer Prüfungssituation. Wieder einmal wendet sich der Weg und geht scheinbar zurück. Der zweite Schleier erwartet dich mit sprühenden Kaskaden von funkelnden Lichtern. Er verkörpert die Versuchung des Wissens und behindert dein Vorankommen nicht so sehr durch Hemmnisse, sondern durch tausenderlei Ablenkungen. Vielfarbige Lichter und bunte Irrwische huschen hin und her; sie locken dich, vom Pfad des Labyrinths ab zu geraten oder eine Abkürzung zu suchen. Geheimnisvolle dunkle Seitenpfade rufen dich: „Komm! Hier entlang, nein dort entlang! Mach hier Rast, und suche dir etwas aus in den Schätzen des Wissens, die wir zu bieten haben.“
Aber wenn du an dieser Stelle stehenbleibst, wird es für lange Zeit kein sinnvolles Weiterkommen mehr geben. Zuviel Wissen behindert auf dem Weg zur Weisheit. Geh immer weiter, bleib nicht stehen, blick nicht zurück.Die vierte Umkreisung beginnt mit dem nächsten Schleier. Diese Prüfung ist zunächst eher wahrzunehmen als eine Art Schubkraft, welche dich voran trägt. Im ersten Moment empfindest du dies dankbar als Hilfe. Du fühlst dich stark und überlegen. Aber du merkst bald, daß diese Energie dich anderswohin führen will, als es dem Ziel deines Weges entspricht. Der dritte Schleier heißt Macht. Hüte dich davor, auf ihre Verlockung hereinzufallen. Gehst du den Weg der Macht, dann bist du vom wahren Wege abgekommen.
Geh immer weiter, bleib nicht stehen, blick nicht zurück.
Verzichte auf die Macht und du erlebst die Welt neu. Von einer unendlichen Last befreit, beginnt dein Körper zu schwingen vor Freude. Du siehst viel deutlicher, siehst die Farbtupfer, die das Leben ausmachen. Du hörst die Musik, die in den Bäumen klingt. Du atmest den Duft von Lavendel und frischem Honig und schlenderst über fremde Märkte. und du verstehst die Menschen dort ohne Sprache. Du bist frei.Die fünfte Windung führt in den letzten Schleier. Er ist anfänglich sehr schwer und und es kommt dich hart an, ihn zu durchqueren, mit einem Mal aber wird alles leicht und klar. Diese Grenzerfahrung führt in eine Ahnung von ewigem Leben. Der vierte Schleier heißt Tod. Du siehst dich auf Brücken stehen über dunklen Flüssen, auf denen Boote langsam treiben, gehst an Gärten vorbei, die in Herbstblüten prangen, gehst in ein weißes Leuchten hinein.
Von diesem Zeitpunkt an umkreisen dich regenbogenfarbene Wirbel und leise Klänge. Und du fühlst dich auf einmal ganz leicht und ziehst hindurch, während die Zeit ringsum wie eine Glocke ertönt. Du begreifst, der Tod ist eine Pforte, ein Durchgang, Du bist frei von ihm. Doch fliege jetzt nicht davon, bleib auf dem Weg.
Geh immer weiter, bleib nicht stehen, blick nicht zurück.Sechster Pfad, Umkreisung: Freier kannst du nun deinen Weg fortsetzen, doch mit dem was du zurückläßt, melden sich Erinnerungen.
Verliebtheit und den Geruch der blühenden Kastanienbäume, eine Tasse heißen Kaffee mit einem Freund in einem Straßencafe; das Plätschern eines Brunnens in einer südlichen Stadt. Geh immer weiter, bleib nicht stehen, blick nicht zurück.
Der Wind wird kälter, er trägt traurige und wütende Erinnerungen, Gesichter. längst vergessene Stimmen zu dir her. Es sind wohlvertraute und fremde Stimmen, welche dir Vorhaltungen machen, weinen, klagen, betteln. Schreite einfach vorbei. Die Töne scheinen leiser zu werden, schwinden dahin... Laß sie alle zurück. Das blaue Licht und dein Weg sind bessere Begleiter.Die siebte Strecke schließt sich an. Du bist nun im großen Bogen, dem vielleicht großartigsten Teil des Labyrinths. Während du vorsichtig Schritt für Schritt voranstrebst, ordnen sich bisher unbekannte Anlagen deiner Persönlichkeit neu. Dies verursacht zeitweise Unbehagen und Schmerzen, vergleichbar den Häutungsschwierigkeiten einer Schlange, das Gehen wird schwer. Versuche, diese Gefühle als Verstärkung zu sehen, die dein Voranschreiten unterstützen. Setze den Weg fort.
Doch auch freundliche Eindrücke tauchen auf, diese verursachen Wünsche, Hoffnungen und zugleich Ängste. Sehnsüchte wirbeln vorbei. Mohnblüten, reifes Korn und hohe Pappeln säumen die Landstraßen. Herb schmeckt der Apfelwein in einem alten Bistro. Ein schönes fremdes Gesicht sieht dich an voll innerem Verstehen.
Geh weiter, bleib nicht stehen, blick nicht zurück.Achter Abschnitt. Noch einmal verstärkt sich das blaue Licht, das du entlang schreitest zu einem flammenden Bogen aus Licht und Glut. Alles glüht in dir. Im tiefsten Grund deines Seins reinigt sich die Essenz deines Lebens. Du fühlst dich heil, du wirst neugeboren. Die blauen Flammen werden nach und nach sanfter; der Lichtbogen wird zu einem friedlichen Schein.
Tief atmest du ein. Einen unendlichen Bogen der Ereignisse bist du entlang gegangen, eine gewaltige Strecke in Raum und Zeit hast du zurückgelegt. Du stehst an einem stillen Seeufer und hörst den Nachtwind zu dir flüstern. Er berührt dich sanft und streichelt dein Gesicht und Haar. Alles wird gut. Die Zeit hat keine Bedeutung mehr.
Über dir wölbt sich zum Greifen nah ein Himmel voller unbekannter Sternbilder. Geh unter diesen Sternen weiter, bleib nicht stehen, blick nicht zurück.Neunte Umkreisung; der innerste Pfad, kurz vor dem Ziel. Auf einer tieferen Ebene beginnt ein Rhythmus deine Schritte voranzutragen. Ein Lied klingt in dir auf, klar, kraftvoll und schön.
Dennoch läuft auch hier der Pfad nicht geradlinig zum Ziel. Höre auf dein Inneres, geh mutig weiter, du wirst es schaffen. Die letzten drei Schritte sind die schwersten. Du meinst, nicht mehr voranzukommen, bleibst aber in Bewegung. Da wächst aus der Mitte ein heller Lichtschein, der dich einhüllt und wärmt. Im Herzen des Labyrinths leuchtet es hell. Du bist angekommen.
Grenzenlose Freude und eine nie geahnte Energie strömen durch dich. Gönne dir nun Zeit und stehe still. Sei dir bewußt, daß du hier an dem zentralen wichtigen Punkt in deinem Leben angelangt bist, in der Mitte. Es ist ein feierlicher Moment. Die Schwestern und Brüder, welche das Labyrinth bereits durchschritten haben, verstehen deine Gefühle. Sie wissen, wo du hindurch gegangen bist.
Gehe nun mit dem nächsten Schritt die Strecke aus dem Inneren des Labyrinths hinaus und ins Leben. Nimm dir von dem Licht mit nach draußen, um es dort weiterzugeben.Draußen wartet der zehnte Pfad, das Leben dort. Eine neue, größere Welt, eine neugewonnene Identität, neue schöne Begegnungen warten auf dich. Doch: Geh immer weiter, bleib nicht stehen, blick nicht zurück.
Das Leben in der Welt. ein verwandeltes - gestärktes - neues Dasein, eine erweiterte Identität, neue schöne Begegnungen warten dort auf dich.Anmerkung: Das wiederholte Zitat "bleib nicht stehen.." und die Grundidee sind dem "Amberzyklus" von R.Zelazny entnommen. Siehe auch meine Amber- Homepage, welche jetzt in das Web kommt. Copyright der übrigen Abfolge bei W.Dörge-Heller, Karlsruhe 1998
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zum Anfang dieser Seite aktualisiert am 14.07.99