Die Trümpfe des Schicksals
Zur Philosophie des Tarot

Im Romanzyklus um Amber spielt das Tarot mit seinen Trümpfen eine wichtige Rolle. Es konnte nicht ausbleiben, daß KünstlerInnen (und etliche begabte Amateure) versuchten, den Geist Ambers in eigenen Kartenwerken wieder zum Ausdruck zu bringen. Florence Magnin ist diese Aufgabe unübertrefflich gelungen. Ihr Tarotdeck (erhältlich bei Jeux Descartes) kann sowohl als Illustration zum Amberzyklus verwendet werden wie auch als eigenständiges Spiel, ohne daß man auf die Romanhandlung zurückzugreifen braucht.
 
 
Tarot und Fantasy leben aus - oftmals verborgenen-  Zusammenhängen mit unserer eigenen Biographie heraus. Wer möchte nicht einmal Held oder König, Zauberer oder Prinzessin sein - eine jener Archetypen des Lebens, die in uns verankert sind und gleichsam auf ihre Stunde warten? Das Tarot öffnet Tore zur Phantasie, es kann als mentale Technik zur Kreativitätssteigerung angewendet werden, wie u.a. Italo Calvino in seinem Werk "Das Schloß, darin sich Schicksale kreuzen" auf einfache Weise bewiesen hat. Es öffnet Zugänge zur eigenen Innenwelt, eine Erfahrung, die jeder kennt, der das Spiel mit den bunten Karten einmal in der Hand hielt. Zahlreiche Fantasy- und Science Fictionromane u.a. von Piers Anthony befassen sich daher ausgiebig mit diesem geheimnisvollen Spiel. 

Tarot ist Kunst und Philosophie, Selbsterfahrung und Denkanstoß zugleich. In Deutschland wird es jedoch von vielen als "okkult belastet" oder als "Einstiegsdroge in die Esoterik" diffamiert. Früher verbrannten fromme Kirchenmänner die ketzerischen Karten mitamt ihren Besitzern, heute warnen sie "besorgt" die Bürger davor. Vor was warnen sie eigentlich?  Vor einer geistigen Welt von beeindruckender inneren Tiefe, welcher sie kaum etwas entgegenzusetzen haben. Das gleiche bornierte Spiel mit der Pauschalwarnung vor okkulten Gefahren läuft hierzulande bei der Fantasy- Literatur.

In Frankreich hat Fantasy einen anderen Stellenwert als bei uns, sie wird eher in Richtung Kunst definiert und als solche akzeptiert, während sie bei uns bestenfalls als  "Unterhaltungsliteratur" zu gelten hat. Bei Ausstellungen zu dieser Thematik (z.B. der Artusausstellung in Komper 1996) oder unter dem Thema "Gefährten der Dämmerung" wurde unserem Freundeskreis klar, daß Frankreichs Fantasy näher an die "echte" oder "große" Kunst gerückt werden darf als bei uns.
Eine ähnliche Mißachtung betrifft hier wie schon erwähnt,  das Tarot. Zwar wird es in esoterischen Kreisen oft gebraucht, beispielsweise zur Zukunftsbefragung oder als Hilfe zur Selbsterfahrung. Aber kaum jemand interessiert sich für den eigentlich recht anspruchsvollen philosophischen Hintergrund, aus dem heraus es in der Renaissance entstand:
 
....... Der Neuplatonismus als geistige Hauptströmung der Renaissance betrachtete sich als Nachfolger und Erbe der antiken Philosophie. Er betont die subtilen Zusammenhänge aller Wesen im Universum, in dem es keinen Zufall gibt, sondern jedes Geschehen einen Sinn hat und bildet damit das genaue Gegenteil des mechanistischen Weltbildes unseres 19. und 20. Jahrhunderts. (genauere Einzelheiten dazu später) Es ist von diesem Hintergrund her verständlich, daß die "modernere", sprich mechanistische Weltsicht gegen diese Philosophie massive Einwände hatte. Denn aus der praktischen Anwendung neuplatonischer Prinzipien erwächst der "magische" Mensch, der sein Schicksal weitgehend selbst bestimmen kann und  sein Leben meistert. Wie sieht dieser Menschentyp bei näherer Betrachtung aus?

Es ist der "Uomo universale", der Universalmensch der Renaissance, wie er damals als Ziel der Erziehung und Lebensführung angestrebt wurde. Dabei handelt es sich um ein Individuum, welches zugleich exzellent malen, dichten, reiten, schießen, fechten und vieles mehr kann. Kurz, ein Mensch, der alles für sein Leben und seine Zeit wichtige Tun beherrscht, der  "Denker, Dichter und Tatmensch in Einem" ist, wie es später zu Goethes Zeit gefordert wurde.

Mit dem hier beschriebenen Universalmenschen geraten natürlich Corwin und sein Amberclan in unser Blickfeld, diese zeitlosen Ketzer, Poeten und Rebellen. Und magisches Denken liegt dem Geschehen um Amber vielfach zugrunde, so wie immer seit dem Beginn unserer abendländischen Kultur, wenn es um Liebe geht, um Zauber und  Tod.

© Copyright W.D.-Heller


 
zum Anfang dieser Seite aktualisiert am 01.04.01